Sensorische Verarbeitungsstörung Erkennen: Ein Leitfaden zur Diagnose

Was ist eine Sensorische Verarbeitungsstörung?

Eine Sensorische Verarbeitungsstörung (SVS), im Englischen als Sensory Processing Disorder (SPD) bekannt, ist eine neurologische Besonderheit, bei der das Gehirn Schwierigkeiten hat, die über die Sinne aufgenommenen Informationen zu empfangen, zu verarbeiten und angemessen darauf zu reagieren. Es handelt sich nicht um eine Lernbehinderung oder eine psychische Erkrankung, obwohl sie häufig gemeinsam mit anderen Diagnosen wie Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) oder ADHS auftritt. Bei Menschen mit SVS werden alltägliche Sinnesreize – wie Geräusche, Lichter, Berührungen oder Gerüche – entweder zu intensiv oder zu schwach wahrgenommen. Dies führt zu Verhaltensweisen, die für Außenstehende oft schwer nachvollziehbar sind.

Unser Nervensystem verarbeitet ständig Informationen aus acht Sinnessystemen: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten (taktil), Gleichgewicht (vestibulär), Körperwahrnehmung (propriozeptiv) und die Wahrnehmung innerer Organe (interozeptiv). Bei einer SVS ist diese Verarbeitung gestört, was zu erheblichen Herausforderungen im Alltag, in der Schule und im sozialen Miteinander führen kann.

Die Anzeichen Erkennen: Überempfindlichkeit versus Unterempfindlichkeit

Die Symptome einer SVS sind vielfältig und können sich in zwei Hauptkategorien einteilen lassen: sensorische Überempfindlichkeit (Hypersensitivität) und sensorische Unterempfindlichkeit (Hyposensitivität). Viele Betroffene zeigen eine Mischung aus beidem, je nach Sinnessystem und Tagesform.

Symptome der sensorischen Überempfindlichkeit (Hypersensitivität)

Personen mit Hypersensitivität reagieren übermäßig stark auf Sinnesreize. Ihr Nervensystem befindet sich in einem ständigen Zustand der Übererregung. Typische Anzeichen sind:

  • Akustisch: Extreme Reaktionen auf laute oder plötzliche Geräusche (z.B. Staubsauger, Händetrockner). Sie halten sich oft die Ohren zu oder fliehen aus lauten Umgebungen.
  • Taktil: Abneigung gegen bestimmte Stoffe, kratzende Etiketten in Kleidung oder Nähte in Socken. Sie meiden möglicherweise körperliche Nähe wie Umarmungen oder unerwartete Berührungen.
  • Oral: Ausgeprägte Essensvorlieben oder -abneigungen (Picky Eating), die auf der Textur, dem Geruch oder der Temperatur von Speisen basieren.
  • Visuell: Empfindlichkeit gegenüber hellem Licht, flackernden Lampen oder visueller Unordnung.
  • Vestibulär: Angst vor Bewegungen wie Schaukeln, Klettern oder Fahren im Auto, oft verbunden mit Reiseübelkeit.

Praktisches Beispiel: Ein Kind mit taktiler Überempfindlichkeit könnte im Kindergarten einen Wutanfall bekommen, weil Farbe an seine Hände gelangt ist. Für das Kind fühlt sich dies unerträglich an, während andere Kinder es kaum bemerken.

Symptome der sensorischen Unterempfindlichkeit (Hyposensitivität)

Im Gegensatz dazu benötigen Menschen mit Hyposensitivität sehr starke Reize, um diese überhaupt wahrzunehmen. Ihr Nervensystem ist untererregt und sucht aktiv nach Stimulation.

  • Propriozeptiv/Vestibulär: Ein ständiges Bedürfnis nach Bewegung. Diese Kinder wirken oft zappelig, springen, rennen und stoßen absichtlich gegen Möbel oder Menschen, um ihren Körper zu spüren.
  • Taktil: Ein geringes Schmerzempfinden. Sie bemerken Schnitte oder blaue Flecken möglicherweise nicht. Sie suchen oft nach festen Berührungen oder Umarmungen (sog. „Deep Pressure“).
  • Oral: Sie kauen häufig auf nicht essbaren Gegenständen wie Stiften, Spielzeug oder dem Hemdkragen.
  • Akustisch: Sie scheinen Geräusche zu ignorieren, reagieren nicht, wenn ihr Name gerufen wird, oder bevorzugen sehr laute Musik oder Fernseher.

Praktisches Beispiel: Ein Kind mit propriozeptiver Unterempfindlichkeit umarmt seine Freunde möglicherweise so fest, dass es ihnen wehtut, ohne zu merken, wie viel Kraft es anwendet. Es sucht den starken Druck, um die eigenen Körpergrenzen zu spüren.

Der Weg zur Professionellen Diagnose

Wenn Sie den Verdacht haben, dass Ihr Kind oder Sie selbst von einer SVS betroffen sein könnten, ist ein strukturierter Ansatz entscheidend. Eine Selbstdiagnose reicht nicht aus; eine professionelle Abklärung ist unerlässlich.

Schritt 1: Beobachtung und Dokumentation

Bevor Sie professionelle Hilfe suchen, ist es äußerst hilfreich, die auffälligen Verhaltensweisen zu dokumentieren. Führen Sie ein „sensorisches Tagebuch“, in dem Sie folgende Punkte festhalten:

  • Auslöser: Was geschah unmittelbar vor der Reaktion? (z.B. Betreten eines lauten Supermarktes)
  • Verhalten: Wie genau hat die Person reagiert? (z.B. Schreien, Hände auf die Ohren pressen, Fluchtversuch)
  • Dauer und Intensität: Wie lange dauerte die Reaktion und wie intensiv war sie?
  • Beruhigungsstrategien: Was hat geholfen, die Situation zu deeskalieren? (z.B. Verlassen des Ortes, eine feste Umarmung)

Diese detaillierten Notizen sind für Fachleute von unschätzbarem Wert.

Schritt 2: Die richtigen Ansprechpartner finden

Der erste Weg sollte zum Kinderarzt oder Hausarzt führen. Dieser kann organische Ursachen für die Symptome ausschließen (z.B. Hörprobleme oder andere medizinische Erkrankungen). Der Arzt kann dann eine Überweisung an spezialisierte Fachleute ausstellen.

Die eigentliche Diagnose und Behandlung einer SVS wird in der Regel von Ergotherapeuten mit einer Spezialisierung auf sensorische Integrationstherapie durchgeführt. Weitere beteiligte Fachleute können sein:

  • Sozialpädiatrische Zentren (SPZ): Bieten eine interdisziplinäre Diagnostik an.
  • Kinder- und Jugendpsychologen oder -psychiater: Zur Abgrenzung oder Diagnose von Begleiterkrankungen wie ADHS oder Autismus.

Schritt 3: Der diagnostische Prozess

Eine umfassende SVS-Diagnostik besteht aus mehreren Teilen:

  1. Anamnesegespräch: Ein ausführliches Gespräch mit den Eltern oder dem Betroffenen über die Entwicklungsgeschichte, den Alltag und die spezifischen Herausforderungen. Das von Ihnen geführte Tagebuch ist hier sehr nützlich.
  2. Standardisierte Fragebögen: Fragebögen wie das „Sensory Profile“ helfen dabei, die sensorischen Vorlieben und Abneigungen systematisch zu erfassen.
  3. Klinische Beobachtung: Der Therapeut beobachtet die Person (insbesondere Kinder) in einer strukturierten Umgebung bei gezielten Aktivitäten. Dabei werden verschiedene Materialien und Geräte (Schaukeln, Bälle, unterschiedliche Texturen) eingesetzt, um die Reaktionen auf sensorische Reize direkt zu beurteilen.

Die Diagnose wird auf der Grundlage der Gesamtheit dieser Informationen gestellt. Eine SVS-Diagnose ist keine „Schublade“, sondern der Schlüssel zu gezielter Unterstützung und einem besseren Verständnis für die individuellen Bedürfnisse der betroffenen Person.

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