
Handgelenksverstauchung oder Bruch? So erkennen Sie den Unterschied
Der Moment der Verletzung: Erste entscheidende Hinweise
Ein unglücklicher Sturz beim Sport, ein Ausrutscher auf glattem Untergrund oder der Versuch, sich bei einem Fall mit der Hand abzufangen – ein schmerzhaftes Handgelenk ist oft die Folge. Die erste Frage, die sich stellt, ist: Ist es „nur“ eine Verstauchung oder ein gebrochener Knochen? Bereits der Verletzungshergang kann erste Anhaltspunkte liefern. Sowohl Verstauchungen als auch Brüche entstehen häufig durch einen Sturz auf die ausgestreckte Hand. Die dabei wirkende Energie ist jedoch oft unterschiedlich. Während für eine Verstauchung, bei der die Bänder überdehnt werden, bereits eine moderate Krafteinwirkung ausreichen kann, erfordern Knochenbrüche in der Regel eine erhebliche Gewalteinwirkung.
Ein weiteres, oft überhörtes, aber wichtiges Indiz ist das Geräusch im Moment der Verletzung. Viele Patienten mit einem Knochenbruch berichten von einem deutlich hörbaren Knacken oder Krachen. Im Gegensatz dazu wird eine Bänderverletzung eher von einem dumpfen „Plopp“ oder gar keinem spezifischen Geräusch begleitet. Dies ist zwar kein definitiver Beweis, aber in Kombination mit anderen Symptomen ein starkes Indiz für einen Bruch.
Analyse der Symptome: Die drei großen Unterscheidungsmerkmale
Nach dem ersten Schock sind es die spezifischen Symptome, die am besten dabei helfen, die Art der Verletzung einzuschätzen. Hierbei sollte man auf drei Hauptaspekte achten: den Schmerzcharakter, die Entwicklung der Schwellung und sichtbare Deformitäten.
Der Schmerz: Intensität und Charakter
Der Schmerz ist das unmittelbarste Symptom, doch seine Qualität unterscheidet sich oft erheblich.
- Bei einer Verstauchung ist der Schmerz oft ziehend und diffus. Das bedeutet, er lässt sich nicht exakt einem Punkt zuordnen, sondern strahlt in einem größeren Bereich um das Gelenk aus. In Ruhe kann der Schmerz erträglich sein, verstärkt sich aber bei Bewegung oder Belastung deutlich.
- Bei einem Bruch ist der Schmerz hingegen meistens extrem stark, stechend und sehr präzise lokalisierbar. Betroffene können oft mit einem Finger genau auf die schmerzhafteste Stelle zeigen. Der Schmerz ist oft auch in absoluter Ruhe unerträglich und wird als „tief im Knochen sitzend“ beschrieben. Jeglicher Versuch, das Handgelenk zu bewegen, führt zu einer sofortigen, massiven Schmerzzunahme.
Schwellung und Bluterguss: Geschwindigkeit und Ausmaß
Sowohl Verstauchungen als auch Brüche führen zu einer Schwellung und oft auch zu einem Bluterguss (Hämatom). Der Unterschied liegt im Tempo und im Ausmaß. Bei einem Knochenbruch werden Blutgefäße im Knochen und im umliegenden Gewebe zerrissen, was zu einer sehr schnellen und ausgeprägten Schwellung führt, die sich innerhalb von Minuten entwickeln kann. Der Bluterguss ist oft ebenfalls schnell sichtbar und großflächig. Bei einer Verstauchung entwickelt sich die Schwellung meist langsamer, über Stunden, und ist tendenziell weniger massiv und eher teigig.
Deformität: Das offensichtlichste Zeichen eines Bruchs
Dies ist das wohl eindeutigste Unterscheidungsmerkmal. Bei einer Verstauchung ist das Handgelenk zwar geschwollen und schmerzhaft, behält aber seine normale Form und Kontur bei. Ein Bruch hingegen, insbesondere ein verschobener Bruch (dislozierte Fraktur), führt zu einer sichtbaren Fehlstellung. Das Handgelenk kann unnatürlich abgewinkelt oder verdreht aussehen. Eine klassische Deformität bei einem handgelenksnahen Speichenbruch ist die sogenannte „Bajonett-Fehlstellung“, bei der das Handgelenk seitlich verschoben ist, oder die „Gabel-Deformität“, bei der von der Seite betrachtet eine stufenartige Verformung sichtbar ist. Jede sichtbare Verformung ist ein klares Alarmzeichen für einen Bruch und erfordert sofortige ärztliche Hilfe.
Funktionelle Einschränkungen: Was kann das Handgelenk noch?
Die Fähigkeit, das Handgelenk zu bewegen oder zu belasten, gibt ebenfalls wichtige Hinweise. Diese Tests sollten jedoch nur mit äußerster Vorsicht durchgeführt werden. Stoppen Sie sofort, wenn der Schmerz zu stark wird.
Beweglichkeit und Belastbarkeit
Versuchen Sie vorsichtig, das Handgelenk zu beugen und zu strecken oder die Finger zu einer Faust zu ballen. Bei einer Verstauchung ist die Bewegung zwar schmerzhaft eingeschränkt, aber ein gewisser Bewegungsumfang ist oft noch möglich. Das Greifen eines sehr leichten Gegenstandes mag ebenfalls unter Schmerzen gelingen. Bei einem Bruch ist eine aktive Bewegung meist unmöglich oder provoziert unerträgliche Schmerzen. Das Gelenk fühlt sich instabil an, und die Fähigkeit zu greifen ist komplett aufgehoben.
Gefühl und Durchblutung: Alarmzeichen für Nerven und Gefäße
Ein schwerer Bruch kann Nerven oder Blutgefäße schädigen. Achten Sie auf Taubheitsgefühle, ein pelziges Gefühl oder ein starkes Kribbeln in den Fingern. Dies deutet auf eine mögliche Nervenbeteiligung hin. Überprüfen Sie auch die Durchblutung: Sind die Finger blass oder bläulich verfärbt? Fühlen sie sich kalt an? Ein einfacher Test ist die Nagelbettprobe: Drücken Sie kurz auf einen Fingernagel, bis er weiß wird. Nach dem Loslassen sollte er innerhalb von zwei Sekunden wieder rosig werden. Ist dies nicht der Fall, ist die Durchblutung gestört. Solche Symptome sind absolute Notfälle!
Wann ist ein Arztbesuch unumgänglich? Eine Checkliste
Im Zweifelsfall gilt immer: Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig zum Arzt. Suchen Sie unverzüglich eine Notaufnahme oder einen Arzt auf, wenn einer der folgenden Punkte zutrifft:
- Ein hörbares Knack- oder Krachgeräusch im Moment der Verletzung.
- Eine sichtbare Fehlstellung oder Deformität des Handgelenks.
- Extreme Schmerzen, die auch in Ruhe nicht nachlassen.
- Die Unfähigkeit, das Handgelenk oder die Finger aktiv zu bewegen.
- Taubheitsgefühl, Kribbeln oder Lähmungserscheinungen in der Hand oder den Fingern.
- Blässe, Blaufärbung oder Kälte der Finger.
- Eine offene Wunde im Bereich der Verletzung (offener Bruch).
- Starke Schwellung, die sich sehr schnell entwickelt.
Sofortmaßnahmen nach der Verletzung: Die PECH-Regel
Unabhängig davon, ob es sich um eine Verstauchung oder einen Bruch handelt, sind die richtigen Erste-Hilfe-Maßnahmen entscheidend, um Schmerzen zu lindern und Folgeschäden zu minimieren. Orientieren Sie sich an der bewährten PECH-Regel:
- P – Pause: Stellen Sie das Handgelenk sofort ruhig. Jede weitere Bewegung oder Belastung sollte vermieden werden.
- E – Eis: Kühlen Sie die verletzte Stelle für etwa 15-20 Minuten. Wickeln Sie das Kühlpack oder Eis in ein Tuch, um Hautschäden zu vermeiden. Wiederholen Sie den Vorgang alle paar Stunden.
- C – Compression (Kompression): Legen Sie einen leichten Druckverband an, um die Schwellung zu begrenzen. Achten Sie darauf, dass der Verband nicht zu eng ist und die Blutzufuhr nicht abschnürt.
- H – Hochlagern: Lagern Sie den Arm hoch, idealerweise über Herzhöhe. Dies hilft, die Schwellung zu reduzieren.
Diese Maßnahmen ersetzen keine ärztliche Diagnose. Nur eine Röntgenaufnahme kann mit Sicherheit einen Bruch bestätigen oder ausschließen. Eine korrekte Diagnose ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Therapie und verhindert Langzeitfolgen wie Instabilität, chronische Schmerzen oder Arthrose.
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